Wassily Kandinsky

„Beruhigt“
Artista
Wassily Kandinsky
Ausstellung
Complete exhibition Wassily Kandinsky, Kunsthalle Bern, 1955, cat. no. 63, no illustration.
Letteratura
Grohmann, Will, Wassily Kandinsky, Cologne 1958, cat. no. 379, p. 338, b/w illus. p. 381.
Provenienza
Nina Kandinsky, Neuilly-sur-Seine;
Louis Clayeux, Paris;
Christie's, New York 7.5.2008, lot 376;
Private collection, Europe.
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Descrizione
• Charakteristisches, abstraktes Werk aus Kandinskys Zeit am Bauhaus
• Exzellentes Beispiel für die Gestaltungsprinzipien seiner „kühlen“ Periode
• Ruhiges, meditatives Werk mit vibrierender, subtiler Energie

Kandinsky kühlt ab

Während seiner Professur am Bauhaus – ab 1922 zunächst in Weimar, ab 1925 in Dessau – findet Wassily Kandinsky zu einer reduzierten, klaren Formensprache, die er als „kühle“ Periode bezeichnet. In dieser Phase entwickelt der Künstler eine Bildsprache aus Mitteln der geometrischen Abstraktion, die Rationalität, Spiritualität und emotionale Tiefe miteinander vereint. Statt der dominanten Diagonalen wählt er zunehmend die orthogonale und planimetrische Anordnung der Bildelemente. Ein flockiger Farbauftrag, das Zusammenwirken individueller und geometrischer Formen, farbige und schwarze Gründe, warme Töne und ein geheimnisvolles Leuchten verleihen seinen Kompositionen rhythmische Leichtigkeit und Tiefe.

„Beruhigt“ als Charakterwerk

Mit „Beruhigt“ schafft Kandinsky 1930 ein charakteristisches Werk der „kühlen“ Periode. Präzise gesetzte Formen, eine ausgewogene Farbkomposition und eine ruhige, fast meditative Ordnung bestimmen das Werk. Auf einer quadratischen Grundfläche verteilen sich diverse geometrische Formen, ohne sich zu berühren oder zu überschneiden. Im Zentrum der Komposition befindet sich ein hellviolettes, gleichschenkliges Dreieck – das visuelle Herz des Bildes. Es wird umspielt von anderen geometrischen Elementen – Kreise, Rechtecke und Linien. Nahezu leicht wirken die Kreisformen, die vom oberen linken Bildrand zum rechten Bildrand angeordnet sind. Der Kreis, der für Kandinsky die „Synthese der größten Gegensätze“ verkörperte, spielt eine bedeutende Rolle in seinem Werk. Er sieht in ihm die Vereinigung von Schwere und Leichtigkeit, Materie und Geist – eine „Form der vierten Dimension“. Diese Idee von Gleichgewicht und Spannung, von Gegensätzen im Einklang, prägt die formale Struktur von „Beruhigt“.
Eindringlich wirkt die gedämpfte Farbigkeit auf den Betrachtenden durch die Verwendung von Tertiärfarben, bei der Primär- und Sekundärfarben gemischt werden. Besonders ist dies bei der Hintergrundfarbe evident, die einen warmen Braunton aufweist oder der ockerfarbigen, rechteckigen Formation in der Bildmitte, wohingegen die schwarzen Kreise durch das Mischen aller Primärfarben entstehen.

Aufgrund der streng konstruierten, statischen Anordnung klar gegliederter Formen und der harmonischen Farbwahl erscheint der Titel „Beruhigt“ programmatisch. Zugleich suggeriert er, dass zuvor ein dynamischerer oder zumindest beunruhigter Zustand herrschte. Indes, die vorhandene Ruhe ist keine Stille, sondern vielmehr ein vibrierendes Gleichgewicht, bei der in den getupften Kreisrändern und dem gekräuselten Duktus im Inneren des Dreiecks eine subtile Energie mitschwingt.

Der Theoretiker Kandinsky

In seinen Schriften, „Über das Geistige in der Kunst“ (1912) oder „Punkt und Linie zu Fläche“ (1926), verdichtet sich Kandinskys theoretisches Denken über die Beziehung von Farbe, Form und Klang. Der Künstler sucht nach dem „Farbklang“, der wie eine musikalische Harmonie auf den Betrachtenden wirkt. Das Zusammenspiel von Formen und Farben und ihre emotionale Wirkung faszinierte Kandinsky und als Synästhetiker lag ein Ziel für ihn in der Verbindung verschiedener Sinneseindrücke, wie Farben und Klänge. In „Beruhigt“ lässt sich dies am Beispiel des hellvioletten, bzw. veilchenfarbenen Dreiecks nachvollziehen: „Die Form selbst, wenn sie auch ganz abstrakt ist und einer geometrischen gleicht, hat ihren inneren Klang, ist ein geistiges Wesen mit Eigenschaften, die mit dieser Form identisch sind. Ein Dreieck (ohne die nähere Bezeichnung, ob es spitz, flach, gleichseitig ist) ist ein derartiges Wesen mit dem ihm allein eigenen geistigen Parfüm. In Verbindung mit anderen Formen differenziert sich dieses Parfüm, bekommt beiklingende Nuancen, bleibt aber im Grunde unveränderlich, wie der Duft der Rose, der niemals mit dem des Veilchens verwechselt werden kann.“ („Über das Geistige in der Kunst“, 1912)

Das Bauhaus-Netzwerk

Kandinskys Jahre am Bauhaus sind geprägt vom intensiven Austausch mit vielen herausragenden internationalen Künstlern, Kollegen und Studierenden. Zu dem Kollegium zählten namhafte Künstler wie Paul Klee, Lyonel Feininger, László Moholy-Nagy, Oskar Schlemmer sowie Josef Albers und Johannes Itten, die ebenfalls die Farbtheorie am Bauhaus prägten. Besonders mit Paul Klee ist Kandinsky über viele Jahre hinweg freundschaftlich verbunden, ab 1925 wohnten sie in Dessau sogar Tür an Tür in den Meisterhäusern von Walter Gropius. In ihrem Verhältnis geht es stets um eine künstlerische Auseinandersetzung, die viele Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede und Konkurrenzen enthielt. Beide streben eine Spiritualisierung der Kunst und die Eigengesetzlichkeit der bildnerischen Mittel an.

Die herausragende Bedeutung des Werkes ist offenkundig. „Beruhigt“ ist ein Manifest der inneren Ordnung, der Verbindung von Geist und Farbe, von systematischer Präzision, visueller Harmonie und seelischer Resonanz – eines, das Kandinskys Ideal von der „geistigen Dimension der Kunst“ in vollendeter Klarheit sichtbar macht.
In dieser Auktion wird auch ein exquisites Aquarell von Wassily Kandinsky versteigert, das im selben Jahr 1930 während der Bauhaus-Zeit in Dessau entstanden ist (Los 566).

Roethel/Benjamin 977.