George Grosz

Sonntag früh
Lot ID
Los 745
Künstler
George Grosz
1893 - Berlin - 1959
Weitere Informationen
Wohl von fremder Hand betitelt unten links, mit unbekanntem Trockenstempel "G. H." (im Kreis mit Hand und Beil) oben links. Verso nochmals bezeichnet sowie mit französischem Zollstempel.
Vorlage für Blatt 78 der Sammelmappe "Ecce Homo", die 1922/23 im Malik-Verlag, Berlin erscheint (vgl. Dückers S I, 78).
Ausstellung
George Grosz, Galerie Welz, Salzburg 1975, Kat.-Nr. 3;
An Exhibition with Works by George Grosz, Serge Sabarsky Gallery, New York 1975, Kat.-Nr. 3;
George Grosz 1893-1959. Drawings, Watercolors, Photos, Books, organisiert von Dr. Walter Huder (Akademie der Künste, Berlin), Goethe Institut, USA und Kanada, o.J., Kat.-Nr. 50;
Women as Sex Objects, Art Gallery, Edmonton/Kanada 1976;
Drawings and watercolors by George Grosz (1893-1959), Serge Sabarsky Gallery, New York 1980, Kat.-Nr. 17;
George Grosz. Gli anni di Berlino/Die Berliner Jahre/Les années berlinoises/The Berlin Years/Berlinskie lata, Palazzo Reale, Mailand u.a. 1985-1995, Kat.-Nr. 109 bzw. 54, mit Abb.
Provenienz
Galerie Wolfgang Ketterer, München 27.5.1974, Los 697;
Galerie Welz, Salzburg;
​Sammlung/Nachlass Serge Sabarsky, New York, wohl 1975 bei Vorgenannter erworben;
Sammlung/Stiftung Vally Sabarsky, New York.
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Beschreibung
• Großformatige Vorzeichnung für das gleichnamige Blatt aus der wichtigen Sammelmappe "Ecce homo"
• Die freizügige Darstellung wird mit anderen Blättern aus der Mappe zum Skandal
• Das Blatt zeigt Grosz als großartigen, kritischen Beobachter der Dekadenz in der Weimarer Republik

Diese großformatige Zeichnung dient als Vorlage für Blatt 78 der Sammelmappe "Ecce Homo", die 1922/23 im Malik-Verlag, Berlin erscheint. In dieser Mappe skizziert und karikiert Grosz die politisch-gesellschaftlichen Zustände der Weimarer Republik: die Großstadt, ihre Abseitigkeiten (Mord, Perversion, Gewalt) sowie die Klassengegensätze. Dabei verspottet er die herrschenden Kreise der Weimarer Republik, greift soziale Gegensätze auf und kritisiert insbesondere Wirtschaft, Politik, Militär und Klerus. Der kahlköpfige Mann mit Schnauzbart ist eine für Grosz typische Karikatur eines lüsternen Industriellen: Zigarre in der Hand, mit offener Hose, das steife Vorhemd abgeknöpft, steht er im Raum, die Füße stecken in Pantoffeln. Vor ihm sitzt eine nackte Frau, den Arm lasziv zum Kopf gehoben. Der Unterschied zwischen nackt und angezogen, sitzend und stehend, verstärkt das Gefühl des Ungleichgewichts zwischen den beiden Protagonisten. Der Titel "Sonntag früh" lässt Raum für Interpretationen: Verbringt der Mann seinen Morgen bei einer Prostituierten, statt in der Kirche? Oder ist er doch zu Hause, da in Pantoffeln, und genießt seinen finanziellen und sexuellen Erfolg? Frönt das Ehepaar den Todsünden und der Wolllust: Ausgedrückt in der lasziven Haltung der Frau, und Unmäßigkeit, die sich in Zigarre und dickem Bauch spiegeln?

Bereits wenige Monate nach der Veröffentlichung, im Dezember 1923, erhebt die Generalstaatsanwaltschaft in Berlin Anklage gegen Grosz und seine Verleger Gumperz und Herzfelde wegen Verbreitung "unzüchtiger Abbildungen oder Darstellungen". Auch im Blatt 78 wird "die Art ihrer Darstellung, insbesondere die Hervorhebung der Geschlechtsteile" bemängelt, laut Anklageschrift "geeignet, das Scham- und Sittlichkeitsgefühl eines normal empfindenden Menschen in geschlechtlicher Beziehung zu verletzen." Grosz erklärt im Prozess, dass es sein leidenschaftliches Bestreben sei, die Schwächen und Laster der Zeit und der Gesellschaft aufzuzeigen, und dass er glaubt, sich diesem Ziel nur nähern zu können, wenn er die Wahrheit rücksichtslos enthüllt. Künstlerpersönlichkeiten der Zeit, darunter Max Liebermann, bürgen für den moralischen Anstand von Grosz. Doch das Gericht zeigt sich unnachgiebig: Verleger und Künstler werden jeweils zu einer Geldstrafe von 500 Goldmark verurteilt, die Mappe wird beschlagnahmt.