Joseph Maria Olbrich
Entwurf für die Umzäunung des Ausstellungsgeländes auf der Mathildenhöhe in Darmstadt
Beschreibung
1899 hatte Großherzog Ernst Ludwig von Hessen und bei Rhein die Künstlerkolonie auf der Mathildenhöhe in Darmstadt mit dem Ziel gegründet, Kunst und Handwerk zu vereinen, um eine neue Lebenswelt zu schaffen. Die vom Großherzog berufenen Künstler entwarfen nicht nur einzelne Exponate, sondern vollständige Wohnhäuser mit ihrer Inneneinrichtung im Sinne der damals verbreiteten Idee vom Gesamtkunstwerk. 1901 fand unter dem Titel "Ein Dokument deutscher Kunst" die erste Ausstellung der Künstlerkolonie statt, die bis heute als Meilenstein des Jugendstils und der frühen Moderne in Deutschland gilt. Als eine Art künstlerischer Leiter fungierte der aus Wien berufene Architekt Joseph Maria Olbrich, der die Hauptverantwortung für die architektonische Gesamtplanung des Ensembles trug. Er war die ideale Besetzung, denn er war zu seiner Zeit das, was man heute etwas weitläufig einen Designer nennen würde. In für die Kunst um 1900 nicht untypischer Weise hat er einen erweiterten Kunstbegriff vertreten, der die Grenzen zwischen den Gattungen auflöste. Olbrichs Werk ist ein "Gesamtkunstwerk", in dem verschiedene Künste wie Architektur, Kunsthandwerk usw. miteinander vereint sind und einander ergänzen. Er hatte 1897/98 als Architekt des Ausstellungsgebäudes der Wiener Sezession Aufsehen erregt und folgte im Sommer 1899 dem Ruf des Großherzogs nach Darmstadt. Dort begann er sogleich mit den Planungen zur Ausstellung, zu denen nicht nur die Ausstellungsgebäude und Häuser der Künstlerkolonie gehörten sondern auch temporäre Bauten wie der Eingangspavillon und die Umzäunung des Ausstellungsgeländes. Da für den Besuch der am 15. Mai 1901 feierlich eröffneten Ausstellung Eintritt erhoben wurde, musste ihr Gelände umzäunt werden. Die Umzäunung fasste Olbrich nicht als rein funktionale Barriere auf sondern als integralen Bestandteil des Gesamtkunstwerks Mathildenhöhe mit eigenständigen künstlerischen Elementen. Im Katalog der Ausstellung heißt es dazu: "Um die Abgrenzung des Ausstellungsterrains zu einem künstlerischen Moment zu erheben und diese den Ausstellungseinnahmen dienstbar zu machen, wurden in Entfernungen von je 6 Metern Tafeln aufgestellt, die innen und aussen Reklameplakate aufnehmen sollen. Durch diese Gedanken ist nebst dem Zweck der Abgrenzung auch eine Summe von künstlerischer Arbeit geweckt und für die Plakatkunst ein idealer Raum geschaffen worden." Zu der heute nicht mehr existierenden, nur in historischen Fotos überlieferten Eingangssituation (Abb. ) mit dem Zaun war bisher nur ein im April 1900 entstandener Entwurf von Olbrich bekannt, der sich im Hessischen Landesmuseum in Darmstadt befindet. Die mit Maßangaben versehene Zeichnung ist in ihrer frontalen Präsentation von technisch-konstruktiver Natur und entfaltet nicht die suggestive Wirkung unseres bisher unbekannten, ebenfalls im April 1900 entstandenem Blattes. In der Zeichenweise locker und skizzenhaft, präsentiert Olbrich die durch Girlanden verbundenen Plakataufsteller in perspektivischer, in die Tiefe führender Reihung wie eine altägyptische Phalanx vor dem Hintergrund einer nur summarisch angegebenen Vegetation. Den Plakataufstellern ist etwas Wesenhaftes eigen, ihre Präsentation erinnert an Prozessionsstraßen ägyptischer Tempel, das Schwarz der Bäume und der den Weg säumenden Büsche kontrastiert mit dem weißen Papiergrund – es entsteht eine Art Negativwirkung, woraus das Blatt seinen großen Reiz bezieht. Im Gegensatz zur Zeichnung in Darmstadt zielt unser Blatt auf einen szenografischen Effekt, der eine Vorstellung von der Wirkung der Ausführung gibt, die in den Händen des Holzzimmermeisters Wilhelm Rahn in Darmstadt lag.
Dr. Peter Prange
Dr. Peter Prange