Ernst Ludwig Kirchner

Recto: Landschaft mit weißblühenden Bäumen – Verso: Akrobatische Tänzerin
Künstlername
Ernst Ludwig Kirchner
Zusätzliche Beschreibung
Öl auf Leinwand. (1909) bzw. (19)31. Ca. 70 x 77 cm bzw. 77 x 70 cm. Signiert unten links bzw. signiert und datiert unten links.
Lebensdaten
(1880 Aschaffenburg - Frauenkirch/Davos 1938)
Technik
Gemälde
Ausstellung
Ernst Ludwig Kirchner, Kunsthalle Bern, 1933, Kat.-Nr. 100 (Akrobatische Tänzerin) ; Ernst Ludwig Kirchner, Kunsthalle, Basel 1937, Kat.-Nr. 238 ; E. L. Kirchner. Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen und Druckgraphik, Kunstverein Hamburg und Frankfurt am Main 1969/70, Kat.-Nr. 10.
Literatur
Kirchner Archiv: Fotoalbum Nr. I des Künstlers, Foto-Nr. 195; Ketterer, Roman Norbert, Dialoge. Bildende Kunst. Kunsthandel, Stuttgart 1988, Abb. S. 429; Delfs, Hans, Ernst Ludwig Kirchner - Der Gesamte Briefwechsel "Die absolute Wahrheit, so wie ich sie fühle", Zürich, 2010, Nr. 507, 516 und Nr. 2796, 3440, 3443; Herold, Inge, Lorenz, Ulrike und Sadowsky, Thorsten (Hrsg.) und Henze, Wolfgang, Der doppelte Kirchner. Die zwei Seiten der Leinwand, Ausstellungskatalog, Kunsthalle Mannheim/Kirchner Museum Davos, 2015, S. 146, Nr. D10.
Provenienz
Nachlass des Künstlers, verso auf der Leinwand mit dem Basler Nachlassstempel, Lugt 1570 b, dort mit der handschriftlichen Registriernummer „Da/Be6“; Stuttgarter Kunstkabinett Roman Norbert Ketterer, 20.5.1960, Los 247, verso auf dem Rahmen mit dem Etikett; Privatsammlung, Süddeutschland.
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Beschreibung
• Doppelseitiges Gemälde aus dem Nachlass des Künstlers, das zwei zentrale Schaffensphasen Kirchners vereint
• Einzigartiges Zeugnis der stilistischen und thematischen Entwicklung Kirchners über mehr als zwei Jahrzehnte
• Seit mehr als 60 Jahren erstmals wieder auf dem Kunstmarkt angeboten

Zwei Schaffensphasen auf einer Leinwand

Dieses außergewöhnliche doppelseitige Gemälde von Ernst Ludwig Kirchner vereint zwei zentrale Schaffensphasen des Künstlers in einem Werk – die frühe expressionistische Phase um 1909 und die späte, von stilistischer Klarheit geprägte Zeit Anfang der 1930er Jahre. Es steht exemplarisch für Kirchners künstlerische Entwicklung und dokumentiert eindrucksvoll seinen Wandel vom impulsiven Farb- und Formexperimenteur hin zum reflektierten Gestalter eines individuellen, formal verdichteten Ausdrucks.

Frühe Landschaft und spontane Naturauffassung

Die Vorderseite, Landschaft mit weißblühenden Bäumen, entsteht in der Dresdner Zeit, vier Jahre nachdem sich Kirchner mit Erich Heckel, Karl Schmidt-Rottluff und Fritz Bleyl zur Künstlergemeinschaft „Brücke“ zusammengeschlossen hat. In dieser Phase entwickelt Kirchner eine freie, spontane Malweise, die das unmittelbare Naturerlebnis in eine rhythmische Komposition aus Linien, Flächen und Farben übersetzt. Die Frühlingslandschaft zeigt ein vibrierendes Wechselspiel aus sattem Grün und pastelligem Rosa sowie kräftigen Rot- und Brauntönen, akzentuiert mit leuchtenden blauen Farbflächen. Das Werk lässt Kirchners frühe Meisterschaft im Umgang mit Farbe und Form erkennen. Die Darstellung steht in engem Zusammenhang mit dem Streben des Künstlers nach einer direkten, unvermittelten Naturwahrnehmung, wie sie in den Jahren um 1909 das Schaffen der Dresdner „Brücke“-Künstler prägt.

Wolfgang Henze schreibt zu diesem Landschaftsbild: „Ein Gemälde der grösseren Gruppe blühender Bäume des Jahres 1909. Für diese Gruppe von Gemälden wurde immer wieder das Erlebnis von Collioure-Landschaften von Henri Matisse in dessen Ausstellung im Januar 1909 bei Cassirer in Berlin erwähnt. Welche der drei dort gezeigten Landschaften es aber gewesen sein könnten, die Kirchner anregten, ist unklar. Übereinstimmungen mit den Collioure-Landschaften von Matisse gibt es durchaus, jedoch ist die augenfälligste, das Verhältnis der Stämme und Äste zum Laub bei Kirchners Blick auf Bäume bereits seit 1905 feststellbar. Sie strukturieren das Bild wie bei Matisse (und übrigens auch bei Mondrian ab 1908).“

Akrobatische Tänzerin – Ausdruck formaler Klarheit im Spätwerk

Das Thema der Rückseite, die Tänzerin, spielt in Kirchners Werk von den frühen Dresdner Jahren bis in die 1930er-Jahre eine zentrale Rolle. In den frühen Darstellungen der „Brücke“-Zeit steht der Tanz für Bewegung, Vitalität und den Ausdruck moderner Lebensfreude. In den Davoser Jahren wandelt sich die Bedeutung des Motivs. Der Tanz verliert seinen spontanen, urbanen Charakter und wird zu einem Symbol innerer Ordnung und rhythmischer Harmonie. Die Bewegungen der Figuren werden zunehmend formalisiert und in klare Linien- und Flächenstrukturen überführt.
In diesen Kontext fügt sich unsere Akrobatische Tänzerin ein. Entstanden 1931, zeigt sie eine stark vereinfachte Figur, deren Körperhaltung und Farbverteilung einen konstruktiven Bewegungsrhythmus erzeugen. Kirchner reduziert die Darstellung auf wesentliche Formen und Farben, wodurch die Figur eine zeitlose, fast abstrakte Qualität erhält. Damit steht die Akrobatische Tänzerin exemplarisch für Kirchners späte Bildsprache, in der der menschliche Körper zum Ausdrucksträger formaler Klarheit und geistiger Balance wird.
Vergleichbare Werke wie „Springende Tänzerin, Gret Palucca“ von 1931 oder „Farbentanz I" von 1932 (beide im Museum Folkwang, Essen) zeigen eine stilistische Nähe und belegen die zentrale Bedeutung des Tanzmotivs im Spätwerk des Künstlers.

Doppelseitige Gemälde – Bedeutung im Œuvre Kirchners

Kirchner nutzt doppelseitig bemalte Leinwände in verschiedenen Schaffensphasen, insbesondere zwischen 1905 und den frühen 1930er Jahren. Derartige Werke entstehen sowohl aus praktischen als auch aus künstlerischen Gründen. Zum einen reagiert Kirchner damit auf Materialknappheit, insbesondere in wirtschaftlich schwierigen Jahren oder in seiner Zeit in Davos, wo er häufig ältere Leinwände wiederverwendet. Zum anderen spiegeln die beidseitig bemalten Werke Kirchners kontinuierliche Auseinandersetzung mit Form, Farbe und Komposition wider: Auf einer Leinwand begegnen sich oft sehr unterschiedliche Themen, Motive und stilistische Entwicklungsstufen. Das vorliegende Gemälde reiht sich in diese Werkgruppe ein, die im Œuvre Kirchners einen besonderen Stellenwert einnimmt. Es dokumentiert nicht nur den sparsamen Umgang mit Materialien, sondern vor allem die inhaltliche und formale Spannweite seines Schaffens. Der direkte Gegensatz zwischen der expressiven Naturdarstellung der frühen Jahre und der abstrahierten Figurenkomposition der 1930er Jahre verdeutlicht den Übergang von spontaner Unmittelbarkeit zu bewusster formaler Konstruktion. Vergleichbare doppelseitige Arbeiten befinden sich heute in bedeutenden öffentlichen Sammlungen, darunter im Kirchner Museum in Davos, in der Pinakothek der Moderne in München und im Brücke Museum in Berlin.

Der ursprünglich recto angebrachte Basler Nachlass-Stempel wurde wohl vor 1960 entfernt und verso angebracht.

Gordon 66 und 66v.