Jean Dubuffet

Le Petit Tour de Piste
Lot ID
Los 582
Künstler
Jean Dubuffet
Provenienz
Gallery Arthur Tooth & Sons, Ltd, London;
Private collection, Tombridge;
Galleri Haaken, Oslo;
Sotheby's, London 21.10.2003, lot 389;
Private collection, Europe.
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Beschreibung
• Jean Dubuffet erfindet den Begriff der Art Brut und reklamiert die Deutungshoheit für sich
• Sein Werk ist geprägt von der Suche nach einer Urkunst jenseits jeden Formalismus
• Typisches Gemälde Dubuffets in erdig-groben Brauntönen

Roh. Ursprünglich. Viszeral. Zeitlos. Unästhetisch. Grob. Faszinierend. Schön.
Für die Arbeiten von Jean Dubuffet gibt es viele Beschreibungen. Sie alle umkreisen die Werke, treffen sie aber nie; ist doch die Übersetzung des Sehreizes in Worte zum Scheitern verurteilt. In seinem Schaffen ist Dubuffet auf der Suche nach einer „wahren“ Kunst, nach einer Kunst ab- und jenseits des Erlernten, einer Kunst wie sie die reine (menschliche) Natur schafft. Denkt denn der Laubenvogel, er mache Kunst, wenn er sein Nest dekoriert? Dubuffet meint, diese Form der Kunst bei Anderen zu finden: Bei Menschen ohne formale Ausbildung, bei Kindern, bei Personen mit psychischen Erkrankungen oder Entwicklungsverzögerungen sowie bei manchen indigenen Gruppen. Er sammelt, was er als „Art Brut“ versteht und reklamiert dabei, als einziger diesen Begriff zuordnen zu dürfen. Dabei gibt es ähnliche Definitionsbestrebungen zugleich auch durch andere Künstler, Forscherinnen oder Sammler; im angelsächsischen Raum setzt sich etwa alternativ der Begriff der „Outsider Art“ durch. Wenngleich all die verschiedenen Begriffe im Detail unterschiedliche Definitionen aufweisen und dabei mitunter in diskriminierende Stereotype abrutschen, so haben sie doch eines gemein: Die Idee, dass es so etwas wie eine menschliche Urkunst gäbe, zu welcher der Zugang durch Intellekt und Wissen verschlossen würde.

Dubuffets eigene Kunst kann damit keine Art Brut im Wortsinn à la lettre sein. Er, 1901 in das französische Großbürgertum geboren, erhält eine formale Kunstausbildung. Wenngleich sich diese in Zeichenkursen erschöpft und daran ein geisteswissenschaftliches Studium anschließt, so verwehrt ihm dies doch – folgt man der Dubuffet'schen Definition – den Zugang zur Urkunst. In den 1920er Jahren ist seine Kunst vom Surrealismus geprägt, erst ab 1942 wird sein Malstil zunehmend naiver, bis er dann nach dem Zweiten Weltkrieg zum Primitivismus (ein ebenfalls kritisch zu benutzender Begriff) findet.

International bekannt wird Jean Dubuffet dann mit Bildern wie dem unseren. Grob strukturiert er den Malgrund mit Lehmtönen. Erdfarben, die grob und partikelreich daherkommen. Darauf zwei Gestalten, Humanoide, Kopffüßler. Max Loreau beschreibt es so: „Others Characters emerge on canvas in this month of April 1958 (...) these beings thus take stock of their dialogue with texture; like spirits eager to find themselves making their way through the inconsistencies from which they emanate: all bubbling with what resists them and keep on weighting on them; panting imaginations quivering with insatiable desires without objects.“ (Max Loreau, „Catalogue Intégral des travaux de Jean dubuffet, Célébration du Sol II, Texturologies, Topographies”, Fascicule XIV, Lausanne, 1969, S. 8)

Dubuffet nutzt dabei visuelle Anleihen an die Kunst bestimmter indigener Gruppen, an frühkindliche Entwicklungsstadien – der sog. Kopffüßler ist eine Figur, die bei Menschen ab etwa dem zweiten Lebensjahr auftritt und im späteren Entwicklungsverlauf als Zeichen für Entwicklungsstörungen in der Kinderpsychologie herangezogen werden kann. Seine Malweise und sein Werk ist dabei, eben wie dieser Text, nur ein Umkreisen, ein Herantasten, nie aber ein Erreichen. Was Dubuffet sucht, bleibt ihm verschlossen.

Loreau XIV 60.