Ernst Ludwig Kirchner
Fünf Kokotten auf der Straße
Beschreibung
• Einer der bedeutendsten Holzschnitte im umfangreichen druckgrafischen Œuvre Ernst Ludwig Kirchners und aus der wichtigsten Schaffenszeit des Künstlers
• Kirchner zeigt fünf selbstbewusste Berliner Damen des Neuen Westens, die er ebenfalls 1913 auf einem Gemälde darstellt
• Von dem sehr selten auf dem Markt angebotenen Holzschnitt ist dies das einzige bekannte auf feinem Japan gedruckte Exemplar und von musealer Bedeutung
Berlin, Neuer Westen, irgendwo zwischen Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche und KaDeWe. Der Krieg hängt bereits in seiner Unvermeidlichkeit in der Luft, aber noch riecht es nach Abgasen, Konsum und billigem Parfüm. Die Straßen sind bevölkert mit Passanten auf dem Weg zum Einkauf, vergnügungswilligen Geschäftsleuten und Besucherinnen, welche diese schöne neue Welt anzieht. Mitten in den Menschenströmen schieben sich fünf Fraungestalten über die Bürgersteige. Sie sind groß gewachsen, elegant gekleidet, überirdisch schön. Unnahbare Vorbilder ihres Geschlechts, erhaben über die Normalsterblichen.
Doch was Kirchner hier zeigt, sind keine Damen der Schöneberger Gesellschaft, die sich zum Tee im Kaufhaus des Westens verabredet haben. Au contraire, die hier gezeigten Frauen sind geschäftlich unterwegs! Sie mit den berühmten “Tauentzien-Girls“, wie Kurt Tucholsky sie nannte, zu vergleichen, wäre eine Beleidigung. Und doch, was Kirchner hier abbildet, sind Prostituierte. Der Künstler zeigt sie als unantastbar. Diese Überhöhung scheint dabei indes keine zu sein, die aus einem Gefühl der Bewunderung entspringt. Wie auch in seinem 1913 entstandenen Gemälde “Fünf Frauen auf der Straße“ (heute Museum Ludwig, Köln), sind auch hier Raubtiere gezeigt. Deren ganze Gestalt ist seltsam in die Länge gezogen, die Pelzmäntel und Federapplikationen schmiegen sich wie Fell um die Körper. Die Gesichter sind kantig und geradezu scharf. Es sind fünf Sphinxe, bereit den nächsten Mann, der sich ihnen dummerweise nähert, zu verspeisen. Die Darstellung mag auf Kirchners Frauenbild der Zeit verweisen, welches eine offensive und dominant-selbstbestimmte Vermarktung der eigenen weiblichen Sexualitität ablehnte.
Doch es zeigt auch die Zeichen der Zeit: Der Krieg steht bevor. Man verliert sich in Ekstase, in Halbwelt, in Drogen. Die Stimme von Fritzi Massary gibt mit “Die kleine Kokotte“ die Melodie vor, und die Welt – besonders Berlin – tanzt auf dem Vulkan. Kirchners Bildkomposition greift den Zeitgeist auf, führt seine Perversion der Verhältnisse vor. Die Frauen, sie sind nur augenscheinlich Kokotten. Doch wer genau hinschaut, hinter all dem Puder, Hüten und strengem Blick, der sieht: Es sind große schwarze Vögel, Vorbotinnen einer neuen, einer grausamen Zeit. Der Krieg kommt. Zu Asche. Zu Staub.
Gercken 645 II (von II).
• Kirchner zeigt fünf selbstbewusste Berliner Damen des Neuen Westens, die er ebenfalls 1913 auf einem Gemälde darstellt
• Von dem sehr selten auf dem Markt angebotenen Holzschnitt ist dies das einzige bekannte auf feinem Japan gedruckte Exemplar und von musealer Bedeutung
Berlin, Neuer Westen, irgendwo zwischen Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche und KaDeWe. Der Krieg hängt bereits in seiner Unvermeidlichkeit in der Luft, aber noch riecht es nach Abgasen, Konsum und billigem Parfüm. Die Straßen sind bevölkert mit Passanten auf dem Weg zum Einkauf, vergnügungswilligen Geschäftsleuten und Besucherinnen, welche diese schöne neue Welt anzieht. Mitten in den Menschenströmen schieben sich fünf Fraungestalten über die Bürgersteige. Sie sind groß gewachsen, elegant gekleidet, überirdisch schön. Unnahbare Vorbilder ihres Geschlechts, erhaben über die Normalsterblichen.
Doch was Kirchner hier zeigt, sind keine Damen der Schöneberger Gesellschaft, die sich zum Tee im Kaufhaus des Westens verabredet haben. Au contraire, die hier gezeigten Frauen sind geschäftlich unterwegs! Sie mit den berühmten “Tauentzien-Girls“, wie Kurt Tucholsky sie nannte, zu vergleichen, wäre eine Beleidigung. Und doch, was Kirchner hier abbildet, sind Prostituierte. Der Künstler zeigt sie als unantastbar. Diese Überhöhung scheint dabei indes keine zu sein, die aus einem Gefühl der Bewunderung entspringt. Wie auch in seinem 1913 entstandenen Gemälde “Fünf Frauen auf der Straße“ (heute Museum Ludwig, Köln), sind auch hier Raubtiere gezeigt. Deren ganze Gestalt ist seltsam in die Länge gezogen, die Pelzmäntel und Federapplikationen schmiegen sich wie Fell um die Körper. Die Gesichter sind kantig und geradezu scharf. Es sind fünf Sphinxe, bereit den nächsten Mann, der sich ihnen dummerweise nähert, zu verspeisen. Die Darstellung mag auf Kirchners Frauenbild der Zeit verweisen, welches eine offensive und dominant-selbstbestimmte Vermarktung der eigenen weiblichen Sexualitität ablehnte.
Doch es zeigt auch die Zeichen der Zeit: Der Krieg steht bevor. Man verliert sich in Ekstase, in Halbwelt, in Drogen. Die Stimme von Fritzi Massary gibt mit “Die kleine Kokotte“ die Melodie vor, und die Welt – besonders Berlin – tanzt auf dem Vulkan. Kirchners Bildkomposition greift den Zeitgeist auf, führt seine Perversion der Verhältnisse vor. Die Frauen, sie sind nur augenscheinlich Kokotten. Doch wer genau hinschaut, hinter all dem Puder, Hüten und strengem Blick, der sieht: Es sind große schwarze Vögel, Vorbotinnen einer neuen, einer grausamen Zeit. Der Krieg kommt. Zu Asche. Zu Staub.
Gercken 645 II (von II).