Carl Spitzweg
Der Zeitungsleser im Garten
Beschreibung
Ein älterer Herr in dunkelblauem Schlafrock, eine modische Schildmütze tragend, steht mitten in seiner kleinen Welt, in der er seine lange Tabakspfeife raucht und in die Lektüre seiner Zeitung oder eines Briefes vertieft ist. Es ist früher Morgen, die Sonne bemächtigt sich mit aller Kraft des Tages, den der alte Herr mit seinem Frühstück begonnen hat. Links stehen noch das gedeckte Frühstückstischchen mit Stuhl, den er verlassen hat, um sich seiner Lektüre zu widmen. Der alte Herr ist in seinem Garten allein, ganz für sich, und wie er innerlich von der Außenwelt abgeschirmt ist, so agiert er auf einer Art Bühne, die nach links und rechts, nach hinten und sogar nach vorne durch eine Balustrade abgeschirmt wird. Die Außenwelt wird ausgeblendet, hohe Mauern beschützen ihn, niemand stört ihn, die Pflanzen und Büsche entfalten sich um ihn herum, sogar die für Spitzweg charakteristische Agave fehlt nicht und einzig der Blick in den blauen Himmel über der Mauer signalisiert Kontakt zu einer imaginären Außenwelt.
Es ist eine ganz ähnliche Inszenierung wie sie Spitzweg bei zahlreichen anderen Gelegenheiten verwendet hat – erinnert sei an seine Darstellungen schrulliger Kakteen- und Blumenfreunde, die auf ähnlich von der Außenwelt abgeschirmten Bühnen agieren und ungestört ihre wirklichen Freuden des Lebens genießen. In ihnen entwirft Spitzweg eine Art locus amoenus, einen lieblichen Ort, an dem Mensch und Natur in friedvoller Harmonie einander verbunden sind.
Eine solche Idylle, in der man meint, das Plätschern des Wassers aus dem Brunnen zu hören, spiegelt auch unser einsamer Leser vor, und man könnte es dabei belassen, dass Spitzweg in der beschaulichen Ruhe hier zentrale Themen des Biedermeiers wie den Rückzug in das Private aufgreift. Doch so harmlos wie es den Anschein erweckt, ist die Tätigkeit des alten Herrn nicht: Die Darstellung von Lesenden und von Bücherfreunden nimmt im Werk Spitzwegs einen breiten Raum ein und sind bei ihm hochemotionale Themen - auch auf seinem berühmtesten Gemälde liest der arme Poet in seiner spärlichen Dachkammer – in einer Zeit, in der sich ein Lesepublikum entwickelte, in der die allgemeine Schulpflicht jungen Menschen das Lesen ermöglichte, in der Leihbibliotheken den Zugang zu Unterhaltungsliteratur förderten. Da ist der Bücherwurm, der in seiner Bibliothek in ein Buch versunken auf der Leiter steht, oder der Antiquar, der in der Flut seiner Bücher unterzugehen droht - wiederholt schildert Spitzweg Lesende oder in Bücher vertiefte, mit ihnen beschäftigte Personen wie Bibliothekare, Schreibende oder Wissenschaftler.
Die zahlreichen Zeitungen, die damals bereits auch täglich erschienen, verhießen die Teilhabe an der Welt und hatten für die Formierung der bürgerlichen Gesellschaft eine kaum zu unterschätzende Bedeutung, Lesen bedeutete Bildung, und war geeignet, die Standesgrenzen zunehmend aufzulösen. Gleichzeitig war der Leser in der Gesellschaft des Vormärz, die Spitzweg selbst durchlebt hatte, von der Zensur bedroht, denn das Regiment der Restauration und die politischen Zustände nach dem Scheitern der Revolution 1848 hatten bürgerliche Rechte weitgehend eingeschränkt. Zeitungen und Lesegesellschaften wurden verboten oder waren der staatlichen Zensur unterworfen, selbst das Rauchen auf Straßen und öffentlichen Plätzen war untersagt, weshalb für Viele allein der Rückzug ins Private die Möglichkeit bot, sich vor der Zensur zu schützen.
Dr. Peter Prange
Es ist eine ganz ähnliche Inszenierung wie sie Spitzweg bei zahlreichen anderen Gelegenheiten verwendet hat – erinnert sei an seine Darstellungen schrulliger Kakteen- und Blumenfreunde, die auf ähnlich von der Außenwelt abgeschirmten Bühnen agieren und ungestört ihre wirklichen Freuden des Lebens genießen. In ihnen entwirft Spitzweg eine Art locus amoenus, einen lieblichen Ort, an dem Mensch und Natur in friedvoller Harmonie einander verbunden sind.
Eine solche Idylle, in der man meint, das Plätschern des Wassers aus dem Brunnen zu hören, spiegelt auch unser einsamer Leser vor, und man könnte es dabei belassen, dass Spitzweg in der beschaulichen Ruhe hier zentrale Themen des Biedermeiers wie den Rückzug in das Private aufgreift. Doch so harmlos wie es den Anschein erweckt, ist die Tätigkeit des alten Herrn nicht: Die Darstellung von Lesenden und von Bücherfreunden nimmt im Werk Spitzwegs einen breiten Raum ein und sind bei ihm hochemotionale Themen - auch auf seinem berühmtesten Gemälde liest der arme Poet in seiner spärlichen Dachkammer – in einer Zeit, in der sich ein Lesepublikum entwickelte, in der die allgemeine Schulpflicht jungen Menschen das Lesen ermöglichte, in der Leihbibliotheken den Zugang zu Unterhaltungsliteratur förderten. Da ist der Bücherwurm, der in seiner Bibliothek in ein Buch versunken auf der Leiter steht, oder der Antiquar, der in der Flut seiner Bücher unterzugehen droht - wiederholt schildert Spitzweg Lesende oder in Bücher vertiefte, mit ihnen beschäftigte Personen wie Bibliothekare, Schreibende oder Wissenschaftler.
Die zahlreichen Zeitungen, die damals bereits auch täglich erschienen, verhießen die Teilhabe an der Welt und hatten für die Formierung der bürgerlichen Gesellschaft eine kaum zu unterschätzende Bedeutung, Lesen bedeutete Bildung, und war geeignet, die Standesgrenzen zunehmend aufzulösen. Gleichzeitig war der Leser in der Gesellschaft des Vormärz, die Spitzweg selbst durchlebt hatte, von der Zensur bedroht, denn das Regiment der Restauration und die politischen Zustände nach dem Scheitern der Revolution 1848 hatten bürgerliche Rechte weitgehend eingeschränkt. Zeitungen und Lesegesellschaften wurden verboten oder waren der staatlichen Zensur unterworfen, selbst das Rauchen auf Straßen und öffentlichen Plätzen war untersagt, weshalb für Viele allein der Rückzug ins Private die Möglichkeit bot, sich vor der Zensur zu schützen.
Dr. Peter Prange