Augustin Alexandre Thierriat

Vue des montagnes de la Grande-Chartreuse, prise d'Aix
Lot ID
Los 61
Live auction
Künstler
Augustin Alexandre Thierriat
1789 – Lyon – 1870
Weitere Informationen
Alt handschriftlich bezeichnet auf einem Etikett verso.
Provenienz
Privatsammlung, Norddeutschland.
Zu Favoriten hinzufügen
PDF herunterladen

Teilen

EmailFacebookLinkedinPinterest

Beschreibung
Die Ölskizze – von der Freiheit des Malens

Im Oktober 1824 besuchte der berühmte Berliner Architekt Karl Friedrich Schinkel den Maler Heinrich Reinhold in seinem Atelier in Rom. Dort sah er Reinholds kleinformatige Ölskizzen aus der Umgebung von Rom, die Schinkel begeisterten – er erwarb bei seinem Besuch insgesamt zwölf Ölskizzen von Reinhold, von denen sich die meisten heute im Besitz der Hamburger Kunsthalle befinden. Es bedurfte sicher einige Überredungskünste, um Reinhold zum Verkauf zu bewegen, denn er selbst schätzte sie wert und hat sich nur sehr widerwillig von ihnen getrennt. Gegenüber seinem Bruder Friedrich Philipp bedauerte er ihren Verlust und hielt es für "nachtheilig, Naturstudien wegzugeben, die man nicht immer zum 2. mal macht", doch hoffte er, dass Schinkel "als bedeutender Künstler und Mann von vielem Einflusse sehr nützlich seyn kann, wenn er die Sachen in Berlin sehen läßt." Schinkel selbst bemerkte gegenüber seiner Frau, dass er "denn im eigentlichsten Sinne etwas wirkliches von Kunst mitgebracht" habe, die deshalb so besonders seien, "weil die Natureffekte so nie wiederkehren." Schinkels Interesse zielte auf ein spontanes, unmittelbares Naturerlebnis, auf eine unwiederholbare Einmaligkeit, die Farbe und Atmosphäre des Südens auf immer in Erinnerung hielt. Tatsächlich waren Reinholds Ölskizzen besonders bei Künstlern hoch begehrt – auch Julius Schnorr von Carolsfeld oder Ludwig Richter äußerten sich anerkennend -, weil sie nicht den üblichen ausgearbeiteten Landschaftsveduten entsprachen, sondern subjektive Ein- und Ausblicke boten. Schinkel und andere Künstler erkannten in ihnen autonome, eigenständige Kunstwerke, die für sich standen und nicht mehr als Vorbereitung für ein ausgeführtes Gemälde dienten.
Die Ölskizze ist indes keine Erfindung der Zeit nach 1800, doch war sie zuvor immer in einen Arbeits- bzw. Werkprozess eingebunden. Seit ihren Anfängen im 16. Jahrhundert vor allem in Norditalien – etwa bei Tintoretto und Veronese in Venedig – diente sie als Entwurf oder vorbereitende Studie – bozzetto oder modello – für ein größeres Gemälde. Im 17. Jahrhundert integrierte sie der Flame Peter Paul Rubens systematisch in seinen Arbeitsprozess zur Klärung und Entwicklung einer Bildidee, als Kompositionsentwurf für Werkstattmitarbeiter und nicht zuletzt zur Präsentation bei Auftraggebern. Im 18. Jahrhundert werden die Grenzen zwischen vorbereitender Skizze und eigenständigem Werk zunehmend fließend, wenn man etwa an den Engländer Thomas Jones oder den Franzosen Pierre-Henri de Valenciennes denkt, doch erst die Zeit nach 1800 entwickelte den Typus der autonomen Ölskizze, die nur um ihrer selbst willen entstand.
Vor 1800 musste Natur gebändigt werden – die zahlreichen, häufig auch geschönten Landschaftsveduten und der barocke Landschaftsgarten belegen dieses "entfernte" Verhältnis zur Natur, doch zeigt der Siegeszug des englischen Landschaftsgartens nach 1800 eine neue, unmittelbare Beziehung zur Landschaft. Man erlebte Natur nun, wozu Jean-Jacques Rousseau mit seinen Schriften und die folgende Entdeckung der Alpen einen wesentlichen Beitrag geleistet hatten. Forscher wie Alexander von Humboldt brachen zu Expeditionen in ferne, bisher unbekannte Welten auf; berühmt ist Johann Gottfried Seumes Reise nach Sizilien, auf der er 1801/02 weite Teile zu Fuß zurücklegte und seine Reiseerlebnisse in seinem Spaziergang nach Syrakus veröffentlichte.
Es ist keine Frage, dass es sich dabei um ein europaweites Phänomen handelt, in dem das Verhältnis zu Natur und Landschaft neu verhandelt wurde. Künstler gingen nun in die Natur, erwanderten sie und nahmen dabei teilweise auch große Strapazen auf sich, um ihr Motiv festzuhalten. Es war die Geburtsstunde der Freilichtmalerei, des Pleinarismus, der die Rezeption von Natur und Landschaft in der Malerei grundlegend änderte – sie wurde experimenteller und subjektiver, untersuchte sich stetig verändernde Wetterphänomene und -stimmungen, studierte das Licht des Augenblicks, fragmentierte die Natur in unscheinbaren, bisher nicht darstellungs- würdigen Ausschnitten. Wolken, Baumstämme, Zweige, Felsen rückten in den Blickpunkt und wurden als Teil einer größeren Welt begriffen. Für ihre künstlerischen Anliegen wurde die Ölskizze zum unverzichtbaren Ausdrucksmittel – klein von Format, deshalb leicht zu transportieren, meist auf fester Pappe, schnell in der Ausführung und im Erfassen des Motivs zu unterschiedlichen Tageszeiten, spontan im Farbauftrag und frei in der Pinselführung, hielten sie den flüchtigen Augenblick sich ständig verändernder Lichtverhältnisse und Stimmungen in der Landschaft fest.
John Constables Arbeiten der frühen 1820er Jahre zählen als "reine Landschaftsölskizzen" (Werner Busch) genauso dazu wie die Ansichten des in München wohl bekannten Johann Georg von Dillis, die dieser um die gleiche Zeit von seinen täglichen Spaziergängen auf die Praterinsel und in den Englischen Garten mitbrachte. Gleichzeitig wurde Rom zu einem Experimentierfeld der Ölskizze, wo deutsche Künstler wie der bereits erwähnte Heinrich Reinhold, nach ihm Friedrich Nerly und später Johann Wilhelm Schirmer die Ölskizze kultivierten. Die Genannten stehen stellvertretend für mehrere Generationen von Künstlern, die bis in die zweite Jahrhunderthälfte in Rom und Umgebung – vornehmlich in den Albaner Bergen und in Olevano – der Landschaft auf der Spur waren. In Rom tummelten sich nach 1800 Künstler aus aller Herren Länder – Engländer, Schweitzer, Dänen und nicht zuletzt Franzosen wie Jean-Baptiste Camille Corot, der in Rom Mitte der 1820er mit kleinen Ölskizzen auf sich aufmerksam gemacht hatte und nach seiner Rückkehr nach Frankreich zum Hauptvertreter der Schule von Barbizon wurde. Das kleine, am Wald von Fontainebleau südlich von Paris gelegene Dorf war um 1830 von Théodore Rousseau für die Kunst entdeckt worden und entwickelte sich in der Folge zu einer vielfältigen Künstlerkolonie auch deshalb, weil es seit Beginn der 1840er Jahre mit der Eisenbahn erreichbar war. Barbizon wurde zu einem internationalen Zentrum der Freilichtmalerei, das nicht zu Unrecht als Vorläufer des Impressionismus gilt. Mit ihrer skizzenhaften, freien Malerei fanden die Maler der Schule von Barbizon international Beachtung und erhielt auch von zahlreichen ausländischen Künstlern Zulauf – so auch aus Deutschland, als etwa 1851 die Münchner Carl Spitzweg und Eduard Schleich d. Ä. das kleine Dorf besuchten, wo vor allem die Arbeiten von Narcisse-Virgile Díaz de la Peña einen bleibenden Eindruck bei ihnen hinterlassen hatten.
Das Malen in Öl in der Natur setzte sich so zunehmend in ganz Europa durch, nachdem auch technische Neuerungen wie die Erfindung der Ölfarbe in Tuben 1841 die Freilichtmalerei praktikabel machte, weil die Farben nicht erst angerieben werden mussten und nicht mehr so schnell austrockneten. In der Ölskizze boten sich den Malern neue Möglichkeiten des Ausdrucks, aber auch der Motivauswahl. Italien blieb zwar auch in der zweiten Jahrhunderthälfte das bevorzugte Experimentierfeld der Ölskizze, doch fand sie nun in ganz Europa Verbreitung und wurde in der Folge auch zu einem begehrten Sammelobjekt, das noch heutige Betrachter ob seiner Unmittelbarkeit und Spontanität berührt und fasziniert.

Dr. Peter Prange