Joan Miró

"Peinture"
Künstler
Joan Miró
1893 Montroig bei Barcelona - Palma de Mallorca 1983
Weitere Informationen
Dupin/Lelong-Mainaud 546.
Ausstellung
Joan Miró. The Development of a Sign Language, Washington University Art Gallery, St Louis//The David and Alfred Smart Gallery, University of Chicago, 1980, Kat.-Nr. 38, s/w Abb. S. 45, verso mit den Etiketten;
Miró. The ladder of escape/La escalera de la evasión, Tate Modern, London u.a. 2011/2012, Kat.-Nr. 62, farb. Abb. S. 89, verso mit den Etiketten der Stationen in London, Barcelona und Washington D.C.;
Miró. Vers l'infiniment libre vers l'infiniment grand, Musée Paul Valéry, Sète 2014, Kat.-Nr. 12, S. 84/85, farb. Abb.;
Joan Miró. La realidad absoluta. Paris 1920-1945, Guggenheim Museum, Bilbao 2023, farb. Abb. S. 119;
Joan Miró. Poetry into Painting, Tokyo Metropolitan Art Museum, Tokio 2025, Kat.-Nr. 39, farb. Abb.;
Joan Miró. The Assassination of Painting, Vito Schnabel Gallery, St. Moritz 2026, o. Kat.
Literatur
Dupin, Jacques, Miró, Paris 1961, Kat.-Nr. 447, S. 327.
Provenienz
Pierre Matisse Gallery, New York, verso mit dem Etikett;
Acquavella Modern Art Galleries, New York, verso mit dem Etikett;
Claude Kechichian, Matignon Fine Art, Paris;
Privatsammlung, Monaco.
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Beschreibung
• Bedeutendes Hauptwerk aus der berühmten Masonit-Serie des Sommers 1936 — einer der radikalsten und zugleich konzentriertesten Werkgruppen im Schaffen von Joan Miró
• Entstanden unmittelbar zu Beginn des Spanischen Bürgerkriegs, verdichtet Miró hier seine ikonische Formensprache zu einer neuen, kompromisslosen Bildauffassung von außergewöhnlicher Intensität
• Ausgestellt u. a. in der großen Miró-Retrospektive der Tate Modern (2011), im Guggenheim Museum Bilbao (2023) sowie im Tokyo Metropolitan Art Museum (2025)

Im Sommer 1936 zieht sich Joan Miró auf den Familienhof Mas Miró in Mont-roig del Camp zurück, südwestlich von Tarragona. Der Hof, den sein Vater 1911 erworben hatte, ist für Miró seit den frühen 1920er Jahren weit mehr als eine Sommerresidenz: Hier entsteht mit "La masia" (1921/22) sein erstes künstlerisches Hauptwerk, und hier entwickelt sich aus der unmittelbaren Erfahrung der katalanischen Landschaft jenes Bildvokabular, das sein Werk fortan prägen wird — Sonne, Mond, Stern, Vogel und weibliche Figur. Mont-roig bleibt über Jahrzehnte sein wichtigster Rückzugs- und Arbeitsort.
Als Miró im Sommer 1936 dort eintrifft, steht Spanien am Beginn eines politischen Ausnahmezustands: Am 17. Juli putscht General Franco, der Spanische Bürgerkrieg beginnt. In dieser aufgeladenen Situation entsteht zwischen Juni und Oktober 1936 eine geschlossene Werkgruppe von 27 Arbeiten auf Masonit, die heute als eine der radikalsten und zugleich konzentriertesten Serien in Mirós Œuvre gilt. Das vorliegende Gemälde, wie alle Werke dieser Serie schlicht mit "Peinture" betitelt, gehört dazu. Im Oktober verlässt Miró Spanien Richtung Paris, um erst 1940 zurückzukehren. 
Bereits in den zwei Jahren zuvor durchläuft Miró eine Phase, deren Werke als seine "peintures sauvages" bezeichnet werden: kleinformatige Arbeiten auf Pappe, Kupfer und Sandpapier, in denen Figuren in groteske, monströse Verzerrungen kippen und die Farbwelt sich verdunkelt. Eine programmatische Abkehr von der akademischen Bildtradition, die Miró selbst als "assassinat de la peinture" (Mord an der Malerei) formuliert und die sein künstlerisches Werk von 1927 bis 1937 prägen sollte.
Die Sommerserie 1936 setzt diese Auseinandersetzung mit dem Bildträger konsequent fort und führt sie auf eine neue Stufe. Aus Pappe, Kupfer und Sandpapier wird Masonit — eine erst 1924 erfundene, industriell gefertigte Holzfaserplatte. Miró kombiniert darauf Öl mit Kasein, Teer und Sand. Das Trägermaterial bleibt dabei sichtbar. Die warmbraune, körnige Oberfläche des Masonit ist nicht grundiert, sondern Bildgrund. Auf ihr stehen wenige, scharf konturierte Zeichen, gespritzt, gepinselt, eingerieben. In kompromissloser Verdichtung setzt Miró sein ikonisches Formenvokabular. Schwarze Konturen vor warmem, materialeigenem Grund, dazu kräftige Farbakzente in rot, gelb und auch weiß, die von innen zu leuchten scheinen. Kontrastierend dazu der schwarze Kern im Bildzentrum, als verdichtetes, aus Sand geformtes Relief in Korrespondenz zu einem schwarzen, geheimnisvollen Rechteck, das magnetisch auf die sich in Bewegung befindlichen amorphen Zeichenformationen zu wirken scheint. Die klare Formensprache, der vibrierende Rhythmus und die leuchtende Farbigkeit machen "Peinture" zu der einnehmendsten und kraftvollsten Arbeiten der gesamten Serie.
Miró selbst denkt diese 27 Arbeiten als Folge. In einer der Vorzeichnungen notiert er, sie seien als kinematografische Sequenzen zu verstehen, mit Angabe der dominierenden Farbe und der jeweiligen Elemente. Er erwägt sogar die Idee, sie auf eine große Leinwand zu projizieren und davor Drahtobjekte zu hängen, inspiriert von seinem eigenen bühnenbildnerischen Schaffen. Letztlich bleibt diese Idee unverwirklicht, aber verdeutlicht Mirós Verständnis eines interdisziplinären Kunstbegriffs.
Mirós Radikalität in dieser Serie der Masonit-Bilder ist ein Angriff — ein Angriff auf den Bildträger, auf die Konventionen der Malerei, auf die Erwartung an das, was ein Gemälde sein soll. Im Angesicht eines verheerenden Krieges findet Miró zu einer konzentrierten künstlerischen Ausdrucksweise, die seinem eigenen Werk fortan zugrunde liegt und das in seiner Kompromisslosigkeit auf nachfolgende Künstlergenerationen Einfluss nehmen wird.

Das vorliegende Gemälde war 2011 in der Tate Modern zu sehen in der zentralen Retrospektive "Miró", sowie im Guggenheim Bilbao 2023 in der Ausstellung "Joan Miró. Absolute Reality. Paris, 1920–1945"; das Tokyo Metropolitan Art Museum zeigte das Werk 2025 in der Ausstellung "Joan Miró. Poetry into Painting".