Carl Spitzweg

Der Adlerjäger
Lot ID
Los 110
Live auction
Künstler
Carl Spitzweg
1808 - München - 1885
Weitere Informationen
Wichmann 1131.
Ausstellung
Carl Spitzweg. Reisen und Wandern in Europa und der Glückliche Winkel, Seedamm Kulturzentrum Pfäffikon/Haus der Kunst, München 2003, S. 206, Kat.-Nr. 106, mit farb. Abb. auf der Rahmenrückseite mit dem Etikett.
Literatur
Roennefahrt, Günther, Carl Spitzweg. Beschreibendes Verzeichnis seiner Gemälde, Ölstudien und Aquarelle, München 1960, Nr. 413;
Wichmann, Siegfried, Carl Spitzweg. Kunst, Kosten und Konflikte, Frankfurt/Berlin 1991, S. 337, Nr. 336;
Wichmann, Siegfried, Carl Spitzweg. Adlerjäger in der Landschaft, Starnberg-München 1998, S. 28/29, s/w Abb. 151.
Provenienz
Wohl Verkaufsverzeichnis Nr. 336: "1. Alpenjäger hohes Format,[...]", verkauft 1876 an August Humplmayr (1829–1885), München;
Wimmer & Co, München (1941);
Privatbesitz, München;
Privatsammlung, Deutschland.
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Beschreibung
Unten am Ende eines Pfades, am Abgrund zur engen Schlucht steht ein Jäger mit dem Gewehr in der Hand; er wendet uns den Rücken zu und unwillkürlich denkt man an die ikonischen, einsamen Rückenfiguren des großen Romantikers Caspar David Friedrich. Auch Spitzwegs Jäger ist allein, geradezu scheint er von der gewaltigen Schlucht verschlungen zu werden und wirkt im Angesicht der überwältigen Natur klein, fast verloren, doch ist er nicht gedankenverloren wie bei Friedrich sondern aufmerksam. Er späht nach seiner Beute, er beobachtet einen Adler, den er offensichtlich erleht hat und der nun in der sich zum noch wolkenverhangenen Himmel hin öffnenden Schlucht nach unten trudelt. Spitzweg bricht mit der romantischen Bildform der Rückenfigur, indem er sie in den profanen Realismus des Jagdmotivs übersetzt und darin zeigt er nicht ohne Ironie sein Verständnis von Romantik.
Der Jäger muss zeitig aufgebrochen sein, es ist früh am Morgen, an dem sich das heraufziehende Licht der Sonne allmählich der Schlucht bemächtigt und den letzten Dunst der Nacht verdrängt. Der Jäger ist in ein warmes, morgendliches Goldbraun gehüllt, während die andere Seite der Schlucht noch tief verschattet ist. Es ist eine für Spitzweg charakteristischen Inszenierung der übermächtigen, erhabenen Natur, in der das Motiv der tiefen, dem Menschen nicht zugänglichen Schlucht - effektvoll in Licht und Schatten getaucht – immer wiederkehrt. Es ist offensichtlich, dass Spitzweg hier Erfahrungen aus dem Bereich des Theaters verarbeitet und für seine Gemälde nutzt.
Das für Spitzwegs Verhältnisse schon relativ große Gemälde zählt zu einer ganzen Werkgruppe von Motiven mit dem Thema "Adlerjäger" (Wichmann 2002, Nr. 1124-1137), die Siegfried Wichmann zufolge um 1865/70 entstanden sind. Wie fast alle Themen, die Spitzweg behandelt, berühren sie kulturhistorische Hintergründe, was auch für das Motiv des Adlerjägers gilt, das tief in der damaligen bürgerlichen Gesellschaft verwurzelt war. Mit seinen zahlreichen Gemälden griff Spitzweg eine im Alpenraum damals weit verbreitete Tradition auf, bei der es sich nicht um eine in anderen Kulturen verbreitete Jagd mit dem Adler sondern um eine erbitterte Jagd auf den Adler handelt. Insbesondere der Steinadler galt im 19. Jahrhundert in den Alpen als eine ständige Bedrohung für die wertvollen Viehbestände der Bergbauern, die ihn als Lämmerdieb fürchteten. Der Adler wurde deshalb systematisch bejagt, was zwischenzeitlich zu seiner fast vollständigen Ausrottung führte; im 19. Jahrhundert wurde die Jagd auf ihn staatlicherseits sogar gefördert, indem man Abschussprämien auslobte, auch ließen sich für seinen Federschmuck hohe Preise erzielen. Der berühmteste Adlerjäger des bayerischen Hochlandes war damals der Leibjäger des Prinzregenten Luitpold von Bayern, der Oberstdorfer Leo Dorn, der insgesamt 77 Adler erlegt haben soll und nach seinem 50. Abschuss Ende der 1890er Jahre von Prinzregent Luitpold offiziell zum Adlerkönig ernannt wurde. Die Heroisierung und Romantisierung des Adlerjägers ging so weit, das ihm Ludwig Ganghofer in seinem Deutschen Jägerbuch ein literarisches Denkmal setzte.
Dr. Peter Prange