Hans von Marées
Jugendlicher Bacchus
Beschreibung
Die vorliegende Zeichnung gehört zu einer Reihe von Akt-Studien für eine Bacchus-Statue Artur Volkmanns (1851–1941). Nach Meier-Graefe hat Hans von Marées an deren Entstehung aktiven Anteil genommen. Er schreibt weiter: Sie wurde noch vor der im Herbst 1883 erfolgten Übersiedelung Volkmanns nach Deutschland in Ton entworfen und nach Volkmanns Rückkehr nach Rom (1885) in Marmor begonnen. Die Vollendung fällt in die Zeit nach Marées Tode. Der Marmor im Besitz des Breslauer Museums. Die Zeichnungen Hans von Marées sind aus der Zeit vor und nach der Reise Volkmanns. Artur Volkmann hatte 1876 ein Stipendium für einen Rom-Aufenthalt bekommen. Konrad Fiedler, der bedeutende Kunsttheoretiker hatte ihm dazu eine Empfehlung an seinen Freund Hans von Marées mitgegeben. Im Dezember desselben Jahres hatte ihn Marées kennen gelernt und es scheint, dass er sofort den bestimmenden Einfluss auf den bis dahin Führerlosen ausübte. Im Juni 1877 schrieb Marées an Fiedler Er hat sich, mit Gewalt in meine Hände gegeben. Was Volkmann als Bildhauer bei dem Maler und Zeichner Marées lernen konnte, beschreibt Meier-Graefe so: "Es waren zunächst ganz allgemeine Begriffe des Künstlerischen, die der Malerei und Plastik gemein waren und deren Wohltat in einem befreienden Einfluss in der Bereitung des Bodens für eine natürliche Entwicklung bestand. Allmählich aber kam Marées, weil Volkmann sich arg quälte, dazu, näheren Anteil zu nehmen, drang selbst tiefer in die Plastik ein und konnte sein Resultat in der Form von unmittelbaren Korrekturen äußern." Diese Einflussnahme lässt sich auch an unserem Blatt verdeutlichen. Marées zeichnete den Bacchus eigenhändig und nach seinen eigenen Vorstellungen. Danach fertigte Artur Volkmann eine vervollständigende Kopie nach der Marées’schen Studie auf dem linken Teil des ursprünglich 43 cm breiten Blattes. Zwischen 1909 (dem Erscheinen des Werkverzeichnisses von Meier-Graefe) und 1925 (der Auktion bei Paul Cassirer) wurde der linke Teil des Blattes, auf der sich die Kopie Volkmanns befand, abgeschnitten. Vermutlich sollte die virtuose Zeichnung von Hans von Marées wieder als eigenständiges Kunstwerk zur Geltung kommen, und tatsächlich gehört unser Blatt zu den schönsten Studien der Bacchus-Serie. Eine weitere Studie der Bacchus-Serie befindet sich im Von der Heydt-Museum in Wuppertal. Marées’ Beschäftigung mit der Bacchus-Figur wurde durch den Deutschlandaufenthalt Volkmanns 1883–85 unterbrochen; sie setzte mit der Marmorausführung 1885 wieder ein. Unser Blatt gehört zu den frühen Studien Marées aus dem Jahr 1883. Es zeigt den jugendlichen und etwas runderen Akt von vorn in klassischer Pose mit Stand- und Spielbein. In den Händen hält er, nur angedeutet eine Traube und einen Kelch. Das von links oben kommende Licht modelliert den Körper mit starken Kontrasten. Der Hintergrund ist teils durch Schraffuren abgedunkelt. Ein paar Linien markieren die Grenze zwischen Boden und Wandfläche und verorten die Figur damit im Raum. In den späteren ab 1885 entstandenen Studien erscheint die Gestalt des Bacchus länger gestreckt und männlicher. Schon der Bildhauer Louis Tuaillon (1862–1919), der sich 1885 bis 1903 in Rom aufhielt und mit Marées befreundet war, bemerkte diesen Wandel. Meier Gräfe, der sich bei der Bestimmung der Zeichnungen auf die Angaben Tuaillons stützte, scheibt: "Nach Tuaillon war die Plastik, solange Marées daran mitarbeitete, wesentlich voller und runder als sie schließlich geblieben ist."