Veit Stoß (Umkreis)

Tod Mariens
Lot ID
Los 8
Live auction
Künstler
Veit Stoß (Umkreis)
Literatur
Deutsche und niederländische Holzbildwerke im Berliner Privatbesitz, 1904, Nr. 72, Abb. Tafel 37;
Originalbildwerke in Holz, Stein, Elfenbein usw. aus der Sammlung Benoit Oppenheim Berlin, Leipzig 1907, Nr. 19, Abb. Tafel 13;
Vgl. Weniger, Matthias, Konjunktur und Kennerschaft – Benoit Oppenheim und der Hype des Skulpturensammelns um 1900, Lindenberg im Allgäu 2026.
Provenienz
Sammlung Benoit Oppenheim, Berlin (erworben vor 1904,
verso Etikett mit dem Sammlerstempel und der handschrift-
lichen Inventarnummer 281);
Sammlung Jakob Goldschmidt, Berlin;
Lempertz, Köln, 11./12.3.1938, Los 163;
Privatsammlung, Nordrhein-Westfalen (bei Vorgenannter erworben);
Privatbesitz, Deutschland (durch Erbschaft vom Vorgenannten).
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Beschreibung
Die Sammlung Jakob Goldschmidt

Die gotische Skulptur "Tod Mariens" gelangt mit einer bewegten Geschichte zur Auktion – als Teil einer der bedeutendsten jüdischen Kunstsammlungen Berlins, deren Zerschlagung unmittelbar mit der nationalsozialistischen Verfolgung ihres Eigentümers verbunden ist.
Jakob Goldschmidt (1882–1955) zählt in den 1920er Jahren zu den einflussreichen und erfolgreichsten Bankiers Deutschlands. Als alleinhaftender Gesellschafter der Danat-Bank, der damals zweitgrößten Bank Deutschlands, prägt er das Finanzleben der Weimarer Republik maßgeblich.
Nach dem Ersten Weltkrieg baut Jakob Goldschmidt eine Kunstsammlung von internationalem Rang auf, die sich durch ihre außergewöhnliche Spannweite und Qualität auszeichnet. Einen frühen Schwerpunkt bilden ostasiatisches Porzellan und Kunsthandwerk, die er mit sicherem Urteil zusammenträgt, bevor er seine Sammlung gezielt um Werke der französischen Moderne erweitert. Einen besonderen Akzent setzt er zudem mit einem Bestand mittelalterlicher Skulptur, darunter qualitätvolle, meist aus Holz gearbeitete Andachtsbilder und Reliefs, die die religiöse Bildwelt des Spätmittelalters eindrücklich vergegenwärtigen.
In seinen repräsentativen Wohnsitzen – der Villa in Neubabelsberg ebenso wie im Berliner Tiergartenviertel – entfaltet sich die Sammlung als lebendiger Bestandteil eines kultivierten Lebensentwurfs. Zeitgenössische Fotografien zeigen dicht gehängte Räume, in denen Gemälde, Skulpturen und Kunstgewerbe bewusst aufeinander bezogen sind und in ihrer Gegenüberstellung ihre Wirkung entfalten.
Goldschmidts Engagement reicht dabei über das Private hinaus. Als Mäzen wirkt er aktiv am Berliner Kunstleben mit und fördert gezielt museale Ankäufe. So finanziert er den Erwerb von Vincent van Goghs Garten von Daubigny (1890) für die Nationalgalerie – ein Werk, das bis heute zu den Hauptstücken der Sammlung zählt. In dieser Verbindung von privatem Sammeln und öffentlicher Förderung wird Goldschmidts Rolle als prägende Sammlerpersönlichkeit der Weimarer Zeit besonders anschaulich.
Mit der Weltwirtschaftskrise von 1931 wird auch die Danat-Bank zahlungsunfähig. In der NSDAP-Zeitung "Der Führer" wird Goldschmidt im Juli 1931 beschuldigt, aus "typisch jüdischer Profitgier" den Zusammenbruch der Bank herbeigeführt zu haben. Im Zuge der Bankenkrise werden Teile seines Vermögens, darunter Immobilien, Wertpapiere und Kunstwerke, zur Absicherung von Verbindlichkeiten herangezogen. Damit gerät auch die Sammlung zunehmend in den Zugriff der Gläubigerbanken. 1933, nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten, verschärft sich die Situation nochmals: Goldschmidt verliert seinen Einfluss und wird in der Presse verleumdet. Uniformierte Parteianhänger ziehen vor seine Villa und skandieren "Wir wollen den Juden Jakob Goldschmidt haben und totschlagen!" Als sein Bruder Louis mit ihm verwechselt und von einer Gruppe Nationalsozialisten brutal zusammengeschlagen wird, flieht Jakob Goldschmidt überstürzt und ohne Vorbereitungen zunächst in die Schweiz und wenige Jahre später über England nach New York, wo er sich unter schwierigen Umständen ein neues Leben aufbaut. Seinen Besitz und den größten Teil seiner Kunstsammlung muss er in Deutschland zurücklassen. Dieser wird vom Staat entzogen und in den folgenden Jahren schrittweise versteigert. Die Werke erscheinen anonymisiert als "Kunstbesitz eines Berliner Sammlers" auf Auktionen und werden aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang gerissen.
Auch das vorliegende Relief gehört zu diesen Objekten. Goldschmidt hatte es vor 1930 von dem bekannten Berliner Kunstsammler Benoit Oppenheim (1842–1931) erworben. Ein historisches Interieurfoto zeigt die Skulptur im Herrenzimmer von dessen Berliner Villa und dokumentiert ihre Präsentation im Kontext eines großbürgerlichen Sammlungsensembles. Am 23. Juni 1936 wird sie bei Hugo Helbing in Frankfurt am Main angeboten, bleibt dort unverkauft und gelangt am 11./12. März 1938 bei Lempertz in Köln erneut zum Aufruf, wo sie schließlich den Besitzer wechselt.
Die Zerschlagung der bedeutenden Sammlung Jakob Goldschmidts setzt sich in den folgenden Jahren fort: 1941 werden weitere in Deutschland verbliebene Werke zwangsweise versteigert, der restliche Besitz beschlagnahmt. Nach dem Krieg sind die Objekte weltweit verstreut; die Familie beginnt eine langwierige Suche nach den verlorenen Werken und stellt zahlreiche Rückerstattungsanträge.
Die heutigen Einlieferer sind Nachkommen der Erwerber von 1938. In Kenntnis der historischen Umstände haben sie sich durch die Vermittlung von Philipp Württemberg Art Advisory und Karl & Faber mit den Erben Jakob Goldschmidts auf eine einvernehmliche und faire Lösung verständigt. So kehrt das Relief nach mehr als acht Jahrzehnten in den Kunsthandel zurück.

Wir danken Dr. Matthias Weniger, München, für seine Informationen zur Sammlung Oppenheim.